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Tierschutz

 

Pressemitteilung der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz e.V. 

Tierschutz versus Lobbyismus (26.11.12)

Peinliche Diskussion um den Heißbrand beim Fohlen blockiert die Novellierung des Tierschutzgesetzes

Bramsche, 26. November 2012 – Damit hatte wohl niemand gerechnet: Die kleine Lobby der Trakehner-, Hannoveraner- und Holsteiner-Pferdezuchtverbände hat es offenbar geschafft, die Regierungsfraktionen zu spalten und Ministerin Ilse Aigner damit öffentlich zu brüskieren. Obwohl durch eine rechtsverbindliche EU-Verordnung die Kennzeichnung von Pferden mittels Mikrochip inzwischen sowieso zwingend vorgeschrieben ist, scheint das Vorhaben Aigners gescheitert zu sein, den Heißbrand als weitere Kennzeichnung zu verbieten.

Offensichtlich ist es den Verbänden gelungen, einflussreiche Politiker der Koalition auf ihre Seite zu ziehen. Anders ist es unverständlich, dass diverse Studien namhafter Wissenschaftler unabhängiger Universitäten, deren Untersuchungsergebnisse klar gegen den Heißbrand sprechen, ignoriert werden. „Es ist skandalös, dass die Koalition sich ausschließlich auf ein Gutachten eines humanmedizinischen Hautarztes stützt, welches fachlich umstritten ist. Es besagt, dass die Belastung für die Tiere zu vernachlässigen sei. Dieser Arzt ist übrigens selbst Pferdezüchter, insofern muss er als befangen angesehen werden“ , erläutert Dr. Andreas Franzky, Leiter des Arbeitskreises Pferde und Stellvertretender Vorsitzender der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz e. V..

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Foto: © Anke Klabunde

Jetzt versucht man krampfhaft die Situation wieder in den Griff zu bekommen, indem begleitende Maßnahmen in das Gesetz aufgenommen werden sollen, mit denen die Belastung durch den Heißbrand abgemildert werden soll. Obwohl der Brand aus Kennzeichnungsgründen überflüssig ist, wird ernsthaft diskutiert, die Fohlen weiter zu brennen und sie dann einer nachfolgenden Schmerzbehandlung zu unterziehen. Der Grund: Der Schenkelbrand besitzt einen vermeintlich verkaufsfördernden und damit werbewirksamen Effekt. Dies steht im Widerspruch zum § 3 des Tierschutzgesetzes, in dem die Werbung mit Tieren verboten ist, wenn damit Schmerzen, Leiden oder Schäden für die Tiere verbunden sind.

"Die Forderung nach einer nachfolgenden Schmerzbehandlung ist reine Makulatur" betont Franzky. So eine Vorschrift ist unsinnig, da sie inder Praxis gar nicht durchführbar ist und die Einhaltung sich auch nicht kontrollieren lässt." Die TVT hat in ihren Stellungnahmen zum Heißbrand beim Fohlen auf die Tierschutzrelevanz dieses Eingriffes und die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse ausführlich hingewiesen. Die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz e.V. (TVT) ist ein Verein von Tierärzten mit verschiedenen Spezialgebieten, die für wirksamen und zielgerichteten Tierschutz eintreten. Die Arbeit der TVT basiert auf ethischen Überlegungen ebenso wie auf Fachkompetenz, wissenschaftlichen Erkenntnissen und praktischen Erfahrungen.

Aber nicht nur der Schenkelbrand soll erlaubt bleiben, auch die anderen von Ministerin Ilse Aigner vorgesehenen Verbesserungen des Tierschutzgesetzes werden von der Regierungskoalition boykottiert. So soll auch die betäubungslose Ferkelkastration deutlich länger erlaubt bleiben, Qualzuchten sollen weiter auf Ausstellungen prämiert werden dürfen und das Verbot von Wildtieren im Zirkus ist auf eine bedeutungslose Ermächtigungsgrundlage des Ministeriums zurückgeschrumpft worden.

"Wir appellieren an die Abgeordneten des Bundestages, sich bei der Abstimmung über die Novellierung des Tierschutzgesetzes ihrer moralischen und ethischen Verantwortung bewusst zu sein und damit dem Anspruch des Grundgesetzes Artikel 38 Rechnung zu tragen, wonach sie nur ihrem Gewissen verpflichtet sind", so Prof. Dr.Thomas Blaha, Vorsitzender der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz e. V.

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