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Hessische Landestierschutzbeauftragte fordert: Reptilienhalter brauchen mehr Sachkunde (31.10.2014)

Kritik zu den Haltungsbedingungen von Reptilien in Privathand durch neue Studie der Uni Leipzig bestätigt

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(Bild: Hamburger Tierschutzverein)

Die hessische Landestierschutzbeauftragte Frau Dr. Madeleine Martin macht auf die Veröffentlichung einer Studie der Universität Leipzig aufmerksam, bei der die Haltungsbedingungen häufig gehaltener Reptilienspezies in Deutschland untersucht wurden. Für die Untersuchung von Dr. Michael Pees et al. wurden deutschlandweit in Fachkliniken und bei Fachtierärzten Reptilienhalter zu den Haltungsbedingungen ihrer Tiere befragt.

Demnach weichen bei einem Großteil der gehaltenen Tiere die Haltungsbedingungen in vielen Punkten von fest definierten Haltungsparametern erheblich ab. Dies betrifft neben der Ausstattung (Terrarium, Beleuchtung, Luftfeuchte, Temperaturregelung etc.) auch Fütterung und das Ermöglichen einer für viele Reptilien obligatorischen Winterruhe. Nach Auffassung der Landestierschutzbeauftragten bringt die Studie hier zum Teil eklatante tierschutzrelevante Missstände hervor.

„Wenn man überlegt, dass sich bei der Befragung nur diejenigen Halterinnen und Halter beteiligt haben, die zum einen eine Fachklinik bzw. einen Fachtierarzt aufgesucht und zum anderen noch freiwillig einen Fragebogen zu den Haltungsbedingungen ausgefüllt haben – also diejenigen, denen am Wohl ihrer Tieren gelegen ist -, so möchte ich nicht wissen, wie die Haltung in einer Vielzahl von Haushalten aussieht, in denen die Tiere erst angeschafft und danach achtlos beiseitegeschoben werden“ so Martin heute in Wiesbaden.

Die hessische Tierschutzbeauftragte fordert deshalb für alle Halter zumindest einen verpflichtenden Sachkundenachweis, der auf die zu haltende Tierart abgestimmt sein muss. Abgenommen werden müsste dieser durch eine unabhängige Stelle, die frei von Lobbyinteressen ist.

Aus ihrer Sicht gilt es nun auch endlich für die Bundesregierung zu handeln. Im Koalitionsvertrag auf Bundesebene wird ausdrücklich ausgeführt, dass „Handel mit und private Haltung von exotischen und Wildtieren bundeseinheitlich geregelt werden sollen und weiter, dass gewerbliche Tierbörsen für exotische Tiere untersagt werden.“ Hierfür spricht sich im Übrigen auch der Koalitionsvertrag in Hessen aus. „Ausgehend davon, dass einige Reptilien wie z.B. Bartagamen, Landschildkröten oder Kornnattern vom Handel oder auch auf Börsen als „Anfängertiere“ zu Tiefstpreisen angeboten werden und für jeden frei verkäuflich sind, ist es an der Zeit, dass Börsen endlich verboten und wenigstens klare Regelungen für eine verbindliche Sachkundeprüfung für Halter eingeführt werden müssen. Wenn vor der Anschaffung eines Tieres klar ist, welche Bedürfnisse zu decken und welche finanziellen Belastungen für den Halter damit verbunden sind, wird manch einer von der Anschaffung Abstand nehmen“, so Martin abschließend.

 

Hintergrundinformation:

Die aktuell vorgestellte gutachterliche Stellungnahme von Dr. Michael Pees der Klinik für Vögel und Reptilien der Universität Leipzig befasst sich mit der Häufigkeit von Haltungsfehlern bei Reptilien in Privathand (veröffentlicht in Kleintierpraxis 59, Heft 9, 2014)

Bei der Auswertung der Fragebögen konnte festgestellt werden, dass beispielsweise die Luftfeuchtigkeit bei 57 % der in der Praxis vorgestellten Tiere von den Haltungsempfehlungen stark abweichend (v.a. bei Bartagame und Kornnatter) war, die empfohlene Temperatur nur bei jedem 20. (!) Reptil eingehalten wurde (das sind nur 5,6 %!) und die Winterruhe bei 46,2 % aller Tiere stark abweichend von den Haltungsanforderungen (v.a. bei Bartagamen 77,8 %, Leopardgeckos und Gelbwangenschmuckschildkröten bei je 70 %) war.
Auch bei den viel gehaltenen und als „Anfängertiere“ deklarierten Griechischen Landschildkröten gab es bei über 60 % der Tiere erhebliche Abweichungen bei Temperatur, Luftfeuchte und Lichtregime, während sich bei den auch weit verbreiteten Bartagamen vor allem die Temperatur, die Luftfeuchte, die Fütterung und die fehlende oder falsch durchgeführte Winterruhe die größten Probleme darstellen.
Lediglich 10 % der gesamten Terrarien waren in Größe und Ausstattung nicht zu beanstanden.

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